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FV Kurze Badgeschichte

Geschichte des Johannisbades Zwickau (Kurzfassung)

Der Landkreis Zwickau wirbt unter touristischen Aspekten mit dem Begriff Zeitsprungland. Das Zwickauer Johannisbad, das zweifelsohne zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten in der Region zählt, könnte sich als Zeitsprungobjekt im Zeitsprungland bezeichnen. Für die Einrichtung sind die Jahreszahlen 1869 (die Eröffnung der Badeanstalt), 1904 (die Vollendung des Schwimmhallenanbaus) und 2000 (die Neueröffnung des rekonstruierten Bades) von besonderer Bedeutung.

   

Die Orthopädische Heil- und Badeanstalt Johannisbad Zwickau ab 1869

Für den seit 1850 als leitender Oberarzt am Stadtkrankenhaus in der „Leipziger Vorstadt“ von Zwickau wirkenden Dr. Julius Schlobig (1816 – 1887) war die verheerende Choleraseuche von 1865/66, die in weiten Teilen Deutschlands wütete, der letzte Anstoß, etwas für die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse in Zwickau zu tun. Seine Erkenntnisse als Arzt bezogen sich neben dem Problem mangelnder Hygiene auch auf das Wissen um die heilende Wirkung des Wassers. Inzwischen zu einigem Vermögen gelangt, gab er 1866 den Auftrag zum Bau einer privaten Orthopädischen Heil- und Badeanstalt. Er dachte dabei auch daran, sein Können als Arzt mit der Behandlung von Privatpatienten gewinnbringend einzusetzen.  Mit dem Bau beauftragte er den jungen Zwickauer Architekten Ludwig Möckel (1838 – 1915). Dieser hatte gerade eine Ausbildungs- (an der renommierten Polytechnischen Schule Hannover) und Gesellenzeit in Hannover beendet. Er lernte dort die neogotische hannoversche Architektenschule kennen. In seinen letzten Jahren erlebte er die Fertigstellung der Badehalle Hannover (1865), eine der ersten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. In der Aufgabenstellung für den Zwickauer Bau hatte Schlobig formuliert: Zum einen den Bau einer bequemen und mit Rücksicht auf alle sanitären Ansprüche der Neuzeit eingerichteten Bade-Anstalt, zum anderen einer Heilanstalt, in welcher auswärtige Kranke sich einer Kur unterziehen können. Die Standortwahl, direkt neben dem Stadtkrankenhaus, sicherte Dr. Schlobig später ein bequemes Pendeln zwischen beiden Einrichtungen. Der 28-jährige Ludwig Möckel nahm nach seiner Rückkehr nach Zwickau eine Vielzahl kleinerer und größerer Bauaufträge in Angriff. Für Zwickau wurde er dabei zum Begründer des nordischen Backsteinrohbaus, den er in der Formensprache der Neugotik ausführte. Ein herausragender früher Zwickauer Bau wurde das Johannisbad, womit, so Bauhistoriker, Möckel die ersten Klinkerfassaden des Historismus in Sachsen und damit eine “Inkunabel“ für zahlreiche Folgebauten schuf.   

Im dreigeschossigen Hauptgebäude befanden sich im 1. und 2. Stockwerk Zimmer für Privatpatienten. Im  Erdgeschoss waren Kassenraum, Verwalterwohnung und Warteräume für den Bäderbereich untergebracht. Da der ursprünglich vorgesehene linke Flügel (vgl. Zeichnung von 1874) nie gebaut wurde, musste Möckel an anderer Stelle Ersatz für die geplanten Patientenzimmer schaffen. Er setzte im vorderen Bereich des nach Osten zeigenden Bäderflügels ein weiteres Geschoss auf, was ihm architektonisch nicht gefallen haben dürfte. Die am besten ausgestatteten Patientenzimmer befanden sich im 1. Stockwerk des Haupthauses. Zu diesen vier Appartements gehörten eigene Badezimmer. Vom Wartezimmer im Erdgeschoss des Haupthauses gelangten die Gäste in den Bäderflügel. Im vorderen Teil befanden sich neun Badezellen mit eingebauten Badewannen. Hier wurden nicht nur Säuberungs- sondern auch medizinische (Cur-) Bäder angeboten.  Im Anschluss an die Wannenbäder gelangte der Besucher in das irisch-römische Bad. Hier hielten sich Gäste mit gehobenen Ansprüchen auf. Unterhalb des irisch–römischen Bades, im Souterrain, befanden sich die billigen Brausebäder. Die Gäste gelangten dorthin durch einen separaten Eingang. Für die Räume des irisch-römischen Bades verwendete Möckel Begriffe aus der römischen Thermenkultur. Kennenglernt hatte er dies beim Bau der Badehalle in Hannover, wo die Räume des irisch-römischen Bades ebenfalls Bezeichnungen nach antikem Vorbild erhielten.

Für das irisch-römische Bad gab es einen separaten oder den Zugang über den Wannenbäderbereich. Von hier aus gelangte man zunächst in den größten Raum, das Frigidarium. Dieser Kaltraum mit seinen abtrennbaren Kabinen war sowohl Ruheraum als auch Brauseraum und Knetraum (Massagen). Das Frigidarium ist der einzige Raum, der noch heute (Ruheraum) in nahezu Originalzustand erhalten geblieben ist und mit seiner Holzausgestaltung begeistert. Über einen Vorraum gelangten die Gäste in die einzelnen Schwitzräume. Zentraler Raum war das leicht erwärmte Lavacrum, wo Duschen und Abkühlbecken bereitstanden. Von hier aus konnten die Gäste das Tepidarium (trockenes Warmluftbad mit etwa 45 bis 500 C), das Sudatorium (Schwitz-und Heißluftbad mit über 600 C) oder das russische Dampfbad aufsuchen. Der bauinteressierte Besucher kann noch heute die alten Strukturen der früheren Räumlichkeiten erkennen.

Vom Frigidarium aus gab es auch einen Zugang zum sogenannten Wasserturm. Im oberen Bereich des Wasserturmes befanden sich Zisternen sowie Trockenräume für die Wäscherei. Im Wasserturm und den Umbauten im Erdgeschoss waren der Heizkessel und weitere technische Anlagen untergebracht. Der Wasserturm mit Saugesse und (verkürzten) Dampfschornstein sind noch heute erhalten. Zur Gesamtanlage gehörte auch die Remise mit Pferdestall, Wagenraum, Küche, Geschirrraum und Nebenräumen. Hier stand einst die Kutsche des Dr. Schlobig, heute werden Reste des Gebäudes als Gaststätte genutzt.

Obwohl die Einrichtung, die Dr. Schlobig von Beginn an als Johannisbad bezeichnete, in Teilen bereits 1868 in Betrieb ging, erfolgte die offizielle Eröffnung der Gesamtanlage am 14. September 1869. Die Gesamtkosten für den Bau wurden mit 168.000 Mark angegeben.

Die Einrichtung des Dr. Schlobig entwickelte sich zunehmend zu einem Erfolgsmodell. Sie war die erste orthopädische Heilanstalt in der Stadt. Die Badeeinrichtung gab Dr. Schlobig die Möglichkeit, die heilende Wirkung der verschiedensten Wasserbehandlungen in seine Therapien mit einzubeziehen. Da der Leiter der Einrichtung ein Arzt war, haben wir hier die vielleicht früheste konsequente Ausrichtung eines Volksbades auf den  medizinischen Aspekt außerhalb der bereits etablierten Kurbädereinrichtungen. Im noch im Jahre 1909 erschienen Standardwerk zu Bäder- und Badeanstalten in Deutschland erwähnte der Autor Prof. W. Schleyer unter der Rubrik Wasserheilanstalten an erster Stelle die Bade-und Heilanstalt des Dr. Schlobig in Zwickau. Er bezeichnete sie als eine Musteranstalt. Die Zwickauer Einrichtung stellte er in eine Reihe mit den Wasserheilanstalten nach der Methode des Pfarrers Kneipp, mit dem Germaniabad in München und den Arbeiterheilstätten Beelitz. Die Heil- und Badeanstalt war so erfolgreich, dass Dr. Schlobig den Bau zwei weiterer Gebäude zur Kapazitätserweiterung in Auftrag gab. Bereits 1881 stand der sogenannte Neubau 1, worin weitere Patientenzimmer und die Wohnung des Dr. Schlobig eingerichtet wurden  (heute Wohnhaus). Ein Jahr später folgte der Neubau 2, der zusätzliche Kapazitätserweiterungen brachte. Dieses Gebäude wurde wegen seiner späteren Nutzung als Siechenhaus bekannt. Beide Gebäude, inzwischen saniert, sind erhalten geblieben und komplettieren den Johannisbadkomplex. Als Dr. Schlobig 1882 mit 66 Jahren in den Ruhestand ging, hatte er mit der Leitung des Johannisbades noch genügend Arbeit. Eine Liste von 49 Patienten vom April 1887 belegt, dass Heilsuchende aus ganz Deutschland, so aus Lübeck, Dresden, Magdeburg und weiteren Orten den Weg nach Zwickau fanden. Am 15. April 1887 verstarb Dr. Samuel Friedrich Julius Schlobig. Bei der Trauerfeier am 18. April 1887 bildeten die dankbaren Zwickauer vom Johannisbad bis zum Friedhof für die letzte Fahrt des Dr. Schlobig ein Spalier. Noch heute wird das Ehrengrab auf dem Zwickauer Hauptfriedhof von der Stadt gepflegt. Das Areal am Niederen Anger erhielt den Namen Am Schlobigplatz und aus Anlass des 10. Todestages wurde am 15. April 1897 eine vom Bildhauer Joachim Ramcke (1839 – 1917) geschaffene Büste als Denkmal enthüllt.

Seinen Nachlass regelte Dr. Schlobig bereits im Jahre 1885. Der größte Teil des beweglichen und unbeweglichen Nachlasses sollte an die Stadtgemeinde Zwickau fallen. Einen Grundsatzbeschluss zur Übernahme des Nachlasses von Dr. Schlobig fasste der Rat der Stadt am 29. April 1887. Dies war somit der Beginn der städtischen Bäderverwaltung in Zwickau. Zur Verwaltung des Nachlasses wurde die „Dr. Schlobig-Stiftung“ gegründet. Die Einrichtung erhielt den neuen Namen „Städtische Heil- und Badeanstalt Johannisbad“. Die nunmehr städtische Verwaltung behielt das bisherige Bäderangebot weitestgehend bei. Notwendige Reparaturen wurden veranlasst. Ebenso konnten sich weiterhin Privatpatienten einquartieren, die nunmehr vom Oberarzt des Stadtkrankenhauses, Dr. Gustav Horn, betreut wurden. Der gute Ruf der Einrichtung blieb noch lange erhalten. Bereits 1889 kam bei den Verantwortlichen der Gedanke auf, die Einrichtung mit einer Schwimmhalle zu ergänzen. Ein Trend, der inzwischen in vielen deutschen Städten zu verfolgen war. Ab 1890 wurde ein „Fonds zur Errichtung einer Bade- und Schwimmhalle“ eingerichtet. Im Wesentlichen besparte die Sparkasse Zwickau diesen Fond. Das Geldinstitut zahlte jährlich etwa ein Sechstel des Reingewinns ein. Um letztlich die Gesamtkosten des Schwimmhallenanbaus aufzubringen, zahlte die Sparkasse Zwickau bis zum Jahre 1909 und trug somit den übergroßen Anteil der Kosten des Schwimmhallenbaus.

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1. (Möckelbuch S. 67): Planzeichnung des Johannisbades von Ludwig Möckel, veröffentlicht in der Deutschen Bauzeitung 1874; der linke Bäderflügel und der „Orthopädische Pavillion“ in der Mitte wurden nicht realisiert.
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2. (Möckelbuch S.68): Grundriss Erdgeschoss nach Ludwig Möckel, veröffentlicht 1874
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3. (Bäderbuch S. 193): Zeichnung der Gesamtanlage Johannisbad mit Haupthaus sowie Neubau 1 und 2 nach Übernahme durch die Stadt Zwickau (um 1890)

Der Schwimmhallenanbau des Johannisbades von 1904

Ab 1899 begannen die konkreten Planungen für den Anbau einer Schwimmhalle an das  bisherige Hauptgebäude des Johannisbades. Der Anbau sollte entlang der Johannisstraße in Richtung Mulde erfolgen. Verantwortlich für den Anbau war der Stadtbaurat Karl Julius Kretzschmar (1852 – 1912), der seinen Stadtbauamts-Assistent Rudolph Thümmler als Leiter des Baus einsetzte. Wichtige Ansichts- und Schnittzeichnungen tragen die Unterschrift von Thümmler. Als besondere Leistung der Architekten muss die in Form und Funktion gelungene Zusammenführung des Alt- und Neubaus bezeichnet werden. Dies ist auch die Erklärung für die Fortschreibung des neogotischen Stils beim Schwimmhallenbau, obwohl in dieser Zeit bereits der Jugendstil verbreitet in Anwendung kam. Das irisch–römische Bad aus dem Altbau wurde weiterhin genutzt, jedoch im Dachbereich vom Neubau überbaut. Der Erweiterungsbau, so Originaltext von Kretzschmar, verschmilzt mit dem erhalten gebliebenen alten Johannisbade zu einem architektonischen Ganzen, dessen Übergangslinien hauptsächlich nur durch das verschiedene Alter und die abweichende Beschaffenheit des Materials erkennbar geblieben ist. Noch heute ist der äußere Bau nahezu original erhalten. Nur zur Parkseite hin gibt es einige Veränderungen zu registrieren. Das Johannisbad ist damit wohl in Deutschland das einzig erhalten gebliebene Volksbad im neogotischen Baustil. Bei der Innenraumgestaltung gibt es Vielfalt und Mischung, dennoch gilt sie durch die besonders auffallenden Elemente  als eher jugendstiltypisch. Im Foyer und im Schwimmhallenbereich stehen zwar wuchtige Granitsteinelemente für eine etwas monumentale Architektursprache der Kaiserzeit, aber durch vielfältige schmückende Ausgestaltungsdetails ist der Jugendstil deutlich erkennbar. Hierzu zählen die Holz-Glasdecke im Foyer, sowie die schmiedeeisernen Geländer im Schwimmhallenbereich, deren Blätter und Ranken besonders ins Auge fallen. Weitere florale Motive finden sich als Wandmalereien im gesamten Raum verteilt. Goldene Wassermänner an den Säulenenden, in sich verschlungene Fische in den vier Raumecken der Gewölbedecke und ein reich verziertes Sonnenmotiv zwischen den Doucheeingängen sind weitere Elemente des Jugendstils. An den beiden Giebelseiten der Schwimmhalle fallen eine filigran gestaltete Uhr mit Holzgehäuse und ein als Drache gestalteter Wasserspeier auf. Besonders beeindruckend ist wohl der beim ersten Blick in die Schwimmhalle entstehende Gesamteindruck, der mit atemberaubend sicher angemessen beschrieben ist. Den für die Schwimmhalle des Johannisbades von verschiedenen Autoren verwendeten Vergleichen, wie „dreigeschossiger Emporensaal einer Kirche“ oder „Schwimmoper“ möchte man schnell zustimmen. Die besondere Atmosphäre erfährt der Raum auch durch seine imposante Holzdecke, in deren Mitte sich Oberlichter befinden. In vielen Volksbädern wurden ab etwa 1895 die etwas nüchtern wirkenden Rabitzdecken eingebaut. Häufig setzte sich diese Nüchternheit dann über den gesamten Raum fort. Die Zwickauer Architekten entschieden sich noch für eine Holzdecke, die für eine historische Badehalle in Deutschland inzwischen wohl einzigartig ist. Die unter der Holzdecke befindliche Fensteretage erinnert an den orientalischen Stil. Vielleicht war dies eine Reverenz der Architekten an die ausgewiesene Bäderkultur des Orients.

Die geplante Eröffnung am 1.Oktober 1903 konnte wegen baulicher Verzögerungen nicht gehalten werden und so kam es erst am 2. Januar 1904 zum offiziellen Eröffnungstermin. Erstmals hatte damit die Zwickauer Bevölkerung mit dem 17,75 m langen, 9,50 m breiten und bis zu 3,00 m tiefen Becken eine Winterbade- und Schwimmgelegenheit. Zu den bisherigen Angeboten im Altbau kamen weitere Wannenbäder und Volksbrausebäder hinzu, die vor allem im Seitenflügel des Schwimmhallenanbaus und im Kellerbereich untergebracht waren. Im notwendigen Anbau an den früheren Wasserturm fand sich neben den technischen Anlagen auch Platz für Moorbäder, ein elektrisches Lichtbad und Räume zur Kaltwasserbehandlung. Ein neuer riesiger Schornstein kündete weithin von der neuen Anlage. Der gesamte Zwickauer Schwimmsport des Winterhalbjahres spielte sich über viele Jahrzehnte im Johannisbad ab. Einzigartiger Höhepunkt war wohl der nacholympische Wettkampf am 10. November 1936 mit vier Olympiateilnehmerinnen von Berlin. Die Presseberichte zeugen von über 500 Zuschauern, die dichtgedrängt das Bad füllten.  

Im Kaiserreich entstanden, erlebte das Johannisbad mit der Weimarer Republik, der Nazizeit und der DDR-Zeit ganz unterschiedliche Epochen mit jeweils neuen Herausforderungen. Alle Generationen waren bemüht, durch Modifizierungen, Modernisierungen und Werterhaltung das Bad „am Laufen“  zu halten. Der gravierendste Eingriff erfolgte wohl 1958, als die inzwischen marode gewordene Holzdecke der Badehalle durch eine Glasdecke ersetzt wurde. Da diese immer wieder Probleme mit Schwitzwasser bereitete, wurde 1965 drei Meter unterhalb eine zweite Glasdecke eingebaut. Diese veränderte nun den optischen Gesamteindruck der Badehalle sehr stark, denn hierdurch war die 3. Etage des Raumes nicht mehr sichtbar. Unzählige Geschichten wären zu erzählen, die Zwickauer Bürger und ihre Gäste mit dem Johannisbad verbinden. Unvergessen bleibt für viele die Tatsache, dass sie hier schwimmen gelernt haben, denn bis 1971 blieb das Johannisbad das einzige Zwickauer Winterbad. Bis zum Ende der DDR hatte der Zahn der Zeit besonders am Altbau, dem sogenannten Schlobigbau, genagt. Im Jahre 1988 stellte die in diesem Teil untergebrachte medizinische Abteilung die Arbeit ein. Im Juni 1989 war bereits eine Abbruchdokumentation für den Schlobigbau erstellt. In der Umbruchzeit um die Jahreswende 1989/90 regte sich Widerstand gegen die Abbruchpläne. Insbesondere der damalige Schwimmmeister Wilfried Wagner sorgte für öffentlichkeitswirksame Aktionen. Der Abbruch war zunächst vom Tisch, doch die Probleme des in die Jahre gekommenen Johannisbades wurden nicht geringer. Nach verschiedenen Begutachtungen wurde eine Totalsanierung favorisiert. Dies führte Ende 1991 zur Schließung der gesamten Einrichtung. Bereits im November 1991 begannen die Entkernungsarbeiten. Nach kühnen Plänen kam dann im März 1993 die Hiobsbotschaft von der Einstellung aller Arbeiten und einer ungewissen Zukunft.

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4. (Bäderbuch S. 200 oben 1): Historische Entwurfszeichnung von Rudolph Thümmler, Längsschnitt mit Überbau des römisch – irischen Bades aus dem Schlobigbau. Dabei zu erkennen die ursprünglichen Innenansichten des Frigidariums/Ruheraums (1), des Lavacrums/Doucheraums (2) aus dem Schlobigbau und aus dem Neubau die Schwimmhalle (3), die Volks- Douchebäder (4), der Doucheraum für die Schwimmhalle (5) sowie die Umkleide für Schüler und Vereine (6).
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5. (Bäderbuch S. 207, Bild 3): Innenansicht des Schwimmhallenanbaus von 1904
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6. (Bäderbuch S. 207, Bild 4): Außenansicht des Schwimmhallenanbaus von der Muldeseite aus (1904).

Ab dem Jahre 2000 erstrahlt das Johannisbad schön wie nie

Nach langem Stillstand häuften sich inzwischen Meldungen über Vandalismus im entkernten Johannisbad. Es war schließlich der Schwimmverein Zwickau von 1904, der die Öffentlichkeit aufrüttelte. Zum Doppeljubiläum „90 Jahre Johannisbad und 90 Jahre Schwimmverein“ versammelten sich im Februar 1994 über 50 Schwimmsportler medienwirksam mit Fackeln und Trompetensolo vor dem Johannisbad. Der Schwimmvereinsvorsitzende Dr. Siegfried Anders sprach eindringliche Worte und übergab einen offenen Brief „Rettet das Johannisbad Zwickau“ an die Stadtverwaltung. Die Bürgerbewegung mündete schließlich am 20. September 1995 in die Gründung eines Fördervereines „Rettet das Johannisbad“, dessen erster Vorsitzender Gunter Hoffmann wurde. In Eigeninitiative legte das Planungsbüro Bauconzept Lichtenstein einen Sanierungsplan mit einem detailgetreuen Modell des Johannisbades vor. Bei der Stadtverwaltung gab es starke Kräfte, die ebenfalls eine Sanierung anstrebten. Es mangelte wieder einmal an den notwendigen finanziellen Mitteln. Alle Beteiligten verfolgten mit den ihnen möglichen Mitteln das ehrgeizige Ziel, Sanierung und Restaurierung des Johannisbades. Die Rettung brachte schließlich 1997 die Zusage, dass aus dem EU- Förderprogramm „URBAN“, Geld zur Sanierung ausgewählter Objekte in der Nordvorstadt zur Verfügung stünde. Den offiziellen Startschuss gab am 1. März 1998 Zwickaus Oberbürgermeister Rainer Eichhorn. Während die Fassade des Ensembles in einem sanierungsfähigen Zustand war, stellte die Rekonstruktion der Innenräume eine anspruchsvolle Herausforderung dar. Mit der Schließung der Einrichtung im Jahre 1991 waren erhaltenswerte Teile des Bades ausgelagert und später aufgearbeitet worden. Dies betraf insbesondere die Holzteile wie die sechzig Umkleidekabinen, Bänke, Türen oder die filigran verzierte Hallenuhr. Neben der Restaurierung der historischen Elemente war es notwendig, Modernisierungen vorzunehmen. Eine besondere Herausforderung war der Einbau der modernen Schwimmbadtechnik, sowie moderner Umkleide-, Dusch- und Toilettenräume in die alten Gemäuer. Besonders lobenswert ist, dass diese Neuerungen harmonisch in das Erscheinungsbild des Denkmals integriert wurden. Alte Schönheit erstrahlt bereits im rekonstruierten Eingangsbereich mit beeindruckender Lichtdecke und original wiederhergestelltem Billetschalter. Der imposante Eindruck der aus Fichtelgebirgsgranit bestehenden Treppen, Pfeiler und Brüstungen wird nun allerdings durch einen neu entworfenen freistehenden Kassentresen unterbrochen. Dies war eine notwendige Reverenz an den modernen Badebetrieb. Der Schwimmhallenraum konnte nahezu sein historisches Aussehen zurückerhalten und stellt eine besondere Augenweide dar. Die aufwendig erneuerte einzigartige Holzdecke mit Oberlichtern, die Jahrzehnte unter einer Glasdecke verschwunden war, brachte dem Schwimmhallenraum seine alte Schönheit in besonderem Maße zurück. Kaum sichtbar ist der 40 Tonnen schwere Hubboden, der den tieferen Teil des Beckenbodens ausmacht. Diese technische Besonderheit ermöglicht es, für etwa das halbe Becken unterschiedliche Wassertiefen anzubieten. Bis an den Beckenumgang angehoben, ergibt sich sogar einen begehbare Fläche für verschiedenste Veranstaltungen. Der alte Wasserspeier in Form eines kleinen Drachens wurde nachgebaut und sendet einen Wasserstrahl in das Becken. In den früheren Duschräumen hinter dem Wasserspeier wurden ein Kinderplanschbecken sowie ein Whirlpool eingerichtet. Im Galeriebereich erhielten die Umkleidekabinen eine Ergänzung mit Tischen und Bänken, um bei Veranstaltungen als Sitzgelegenheiten zu dienen. In der ehemaligen Gemeinschaftsunterkunft für Schüler und Vereine auf der Galerieebene wurde ein Bistroraum für Veranstaltungen eingerichtet. Die Sauna musste zwingend modernen Anforderungen angepasst werden. Die Strukturen des früheren irisch-römischen Bades sind trotzdem weiterhin erkennbar. Nahezu originalgetreu erhalten ist der ehemalige (Frigidarium) und heutige Ruheraum. Dem Original von 1904 entspricht auch das mit dem imposanten Deckengewölbe bestückte Lavacrum, worin sich das Tauchbecken sowie Fußwaschbecken befinden. Noch heute bietet es den Zugang zur Dampf- und Lichtsauna. Durch geschickte Einbeziehung des ehemaligen Wasserturmes und weiterer Räume in den Saunabereich entstand eine Einrichtung, die kaum Wünsche offen lässt. So entstanden neu eine Saunabar, eine Schneekammer, zwei Finnische Saunen ein weiterer Ruheraum und sogar eine Außensauna mit größerem Außentauchbecken.

Weitere Einrichtungen im Johannisbadkomplex, der insgesamt als Therapiezentrum rekonstruiert wurde, sind ganz im Sinne des ursprünglichen Gründers Dr. Schlobig. So befindet sich im 1. und 2. Stockwerk des Altbaus ein modernes Fitnessstudio. Im Kellerbereich der Schwimmhalle, wo teilweise die Struktur der ehemaligen Wannenbäderräume erkennbar ist, hat sich eine Physiotherapie mit Wellnessangeboten niedergelassen. Im Erdgeschoss des Altbaus findet der Besucher eine Gaststätte, ebenso in den verbliebenen Räumen der ehemaligen Remise, die sinnigerweise den Namen „Alte Remise“ trägt. Der noch von Dr. Schlobig in Auftrag gegebene Neubau 1 ist heute ein  Wohnhaus. Dieses wurde ebenso saniert, wie der ehemalige Neubau 2, worin sich ein gemeinnütziger Verein niedergelassen hat.

Für den offiziellen Wiedereröffnungstag im Jahr 2000 wählten die Verantwortlichen nicht zufällig den Europatag, den 5. Mai aus. Der Geschäftsführer der Lichtensteiner Firma Bauconzept übergab einen symbolischen Schlüssel aus Meißner Porzellan an den Oberbürgermeister Rainer Eichhorn mit den Worten, dass dies eines der schönsten Baudenkmäler Europas sei. Die Zwickauer Bürger konnten den mit 20 Mio. Mark sanierten Bau am 6.und 7. Mai bei der Festveranstaltung „Pack die Badehose ein 2“ in Augenschein nehmen. Die erste Auflage der vom Förderverein organisierten Veranstaltung hatte am 13. Juni 1997 noch in der Ruine des Baues stattgefunden. Den damaligen Gästen, darunter viele Kommunalpolitiker, wurde an diesem Abend wohl noch einmal klar, welch wunderschöner Bau hier auf dem Spiel stand. Das Johannisbad ist inzwischen wieder ein Lieblingsort für viele Zwickauer geworden. Etwa 85.000 Besucher kommen jedes Jahr. In den verschiedenartigsten Publikationen wird das Johannisbad immer wieder als einzigartig erhaltenes Volksbad erwähnt. Es gehört inzwischen in der Wahrnehmung zur ersten Liga historischer Bäderbauten in Europa. Vom Alter her ist es in Deutschland die Nr. 10 der noch erhaltenen Volksbäder (vgl. Aufstellung am Schluss). Im Jahre 2016 erfuhr das Johannisbad mit dem „Public Value Award für das Öffentliche Bad“ der „Deutschen Gesellschaft für das Bäderwesen e.V.“ eine sehr hohe Auszeichnung, die auf der Bädermesse in Stuttgart übergeben wurde.     

 

Die ältesten nahezu original erhaltenen „Volksbäder“ in Deutschland

1.      1873, Stadtbad Zittau, teils umgebaut, erweitert

2.      1895, Stadtbad Hohe Weide, Hamburg-Eimsbüttel, jetzt Kaifu-Bad, teils umgebaut

3.      1898, Stadtbad Berlin-Charlottenburg, Alte Halle

4.      1900, Vierortbad Karlsruhe, stark umgebaut

5.      1901, Müllersches Volksbad München

6.      1902, Münsterbad Düsseldorf

7.      1902, Stadtbad Oderberger Str., Berlin-Prenzlauer Berg

8.      1902 Stadtbad Quedlinburg, teilweise umgebaut

9.      1903, Stadtbad Augsburg, teilweise umgebaut (1927 Jugendstilcharakter zerstört)

10.  1904 Johannisbad Zwickau

Quelle: Beuschel, Werner: Das Johannisbad Zwickau, In: Beuschel, Werner; Peschke, Norbert: Zwickauer Bäderkultur und Schwimmsportgeschichte, Zwickau 2018, S. 173-236

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